Vom Treiben der Bleichebachgeister zu Singen

Vor langer Zeit stand in Singen, unweit der Aach ein Gebäude, welches als Bleiche weithin bekannt war.

In diesem gar reinlichen Haus wurde von den Bleichern, dem von den Bauern und Webern angelieferte Leinen, welches im Ursprung mehr grau als weiß war, zu seinem, von allen so geschätzten, strahlendem Weiß verholfen. Das frischgebleichte Leinen wurde als Ballen aufgestapelt, und sorgfältig vor Schmutz und Nässe geschützt, bis zu seiner Abholung aufbewahrt. Alles wäre in bester Ordnung gewesen und die Bleicher hätten sich frohgemuts an ihr beschwerliches Tagwerk machen können, wäre da nicht noch eine Kleinigkeit gewesen, die so manches gestandene Mannsbild das Grausen lehrte. Es verging kaum eine Woche in der nicht ein merkwürdiger oder gar schauerlicher Vorfall die Bleicher in Angst und Schrecken versetzte.

Ganze Ballen Leinen wurden über Nacht auseinander gerissen, verschmutzt oder gar vollständig durchnässt und auf den umliegenden Wiesen verteilt. Oder das zum Bleichen so wichtige Wasser kam dreckig und nach Jauche stinkend aus dem eigens dafür angelegten Bleichebach und ruinierte ein ganzes Tagwerk.

Schlimmer aber erging es so manch Bleicher oder Bleicherin die Abends im Dunkeln auf ihrem Heimweg ein Stück dem Bleichebach und dann der Aach folgen mussten. Nicht wenige wurden durch tanzende Irrlichter vom rechten Weg fort, in die sumpfigen Wiesen oder gar in die kalte Aach gelockt.

Schauerliche Schreie oder unheimliche Geräusche ließen vielen braven Bleichern die Haare zu Berge stehen und schier das Blut in den Adern gefrieren. Immer derber wurden das Treiben, so dass sich schon fast niemand mehr im Dunkeln zur Bleiche, oder aber von ihr fort getraute.

Eines Tages aber wollten es ein paar Burschen schon genau wissen, was denn da Nächtens in der Bleiche sein Unwesen trieb. Sie tranken sich am Abend ordentlich Mut an, bewaffneten sich mit Laternen und Heugabeln und setzten sich in einen dunklen Schuppen, von wo aus sie den Hof vor der Bleiche und diese selbst genau im Blick hatten. Der Bierkrug und die Schnapsflasche machten noch so manche Runde und als sie schon ziemlich trunken waren und schon so mancher begann seinen Rausch auszuschlafen, hörten sie gar schauerliche Geräusche. Mit einem unheimlichen Stöhnen griff er sich an den Kopf und sank ohnmächtig zu Boden. Sein schwarzes Haupthaar ward augenblicklich schlohweiss geworden.

Platschend schlurfende Schritte, die sich vom Bach aus in ihre Richtung bewegten. Ein modriger Geruch nach faulem Schilf und brackigem Wasser breitete sich aus. Keiner der ach so mutigen Kerle wollte als erster aus dem Schuppen schauen, der jüngste musste , von den anderen gedrängt, einen Blick durch ein Astloch werfen.

Ein alter, erfahrener Kämpe fasste sich ein Herz und lugte aus dem Türspalt. Ihm blieb fast das Herz stehen. Eine grosse , grausige , Gestalt bewegte sich auf die Bleiche zu. Sie hatte ein fürchterliches, kantiges Gesicht mit einer dicken runden Nase und einem angsteinflösenden Gebiss. Lange zottige Haare hingen von ihrem schrecklichen Kopf. Mit schmatzenden Lauten kam sie dem frischgebleichten Leinen immer näher. Just als sich das Ungeheuer über die Arbeit eines ganzen Tages hermachen wollte, stürzte der alte Kämpfer mit dem Mut von einigen Bieren und so manchem Schnaps mit lautem Geschrei aus dem sicheren Schuppen.

Der Bachgeist erschrak, denn so ein alter Kämpfer sieht in seiner Schnapslaune doch noch viel fürchterlicher aus als der gräuslichste Bachgeist. Er sprang mit lautem Geheul zurück in seinen Bach tauchte unter und ward in dieser Nacht nicht mehr gesehen.

Die Bleicher aber, schütteten am darauf folgenden Morgen den Bleichebach von Anfang bis Ende zu. Der Bachgeist und seine Geister wurden so im kalten Bach unter Unmengen von Erde begraben. Das die Bleiche wieder Wasser hatte, wurde von den Bleichern anders bewerkstelligt, und bis die Bleiche ihre Arbeit einstellte wurde von einer Bachgeistersippe nichts mehr gehört.

Viele Jahre später aber rissen Unwissende den Bachlauf wieder auf, die Bachgeister tauchten sofort wieder auf! Besetzten Bleichebach und Aach und aus Wut darüber, dass sie von einem einzelnen Bleicher dereinst überrumpelt wurde treiben sie es schlimmer denn je. Zum Glück ist ihnen das Umgehen nur noch in der Fasnachtszeit möglich, am Aschermittwoch ist Singen wieder für ein Jahr sicher vor dem wilden Treiben der Bleichebachgeister.

Das es genau so war, dass behauptet keiner, aber weißt du das es nicht so war??